| Veranstaltung: | 52. Bundesdelegiertenkonferenz Berlin |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | V TOP 10 - Verschiedenes (1/2) |
| Antragsteller*in: | BAG Religionen und BAG Tierschutzpolitik (dort beschlossen am: 03.10.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 06.10.2026, 11:37 |
V-09: Pflanzenbasierte Ernährung systematisch stärken
Antragstext
Wir setzen uns für eine sozial-ökologisch gerechte Transformation des
Ernährungssystems hin zu einer stärker pflanzenbasierten Ernährung ein.
Ziel ist es, Tierleid deutlich zu reduzieren, Klima- und Umweltbelastungen zu
verringern, die öffentliche Gesundheit zu stärken und die Ernährungssicherheit
unter Bedingungen globaler Krisen langfristig zu sichern.
Öffentliche Einrichtungen nehmen eine zentrale Rolle bei der Transformation des
Ernährungssystems ein.
In Kitas, Schulen, Hochschulen, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Behörden
und weiteren Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung wird eine
pflanzenbasierte Mahlzeit als Standardoption etabliert. Insbesondere die Kirchen
sollten hier ins Boot geholt werden. Tierische Produkte können Bestandteil des
Angebots bleiben, treten jedoch nicht als Standardwahl in den Vordergrund.
Pflanzenbasierte Gerichte können häufig kostengünstiger bereitgestellt werden
und dadurch die Vereinbarkeit von hoher Qualität, sozialer Zugänglichkeit und
nachhaltiger Beschaffung verbessern.
Bund und Länder richten die öffentliche Beschaffung entsprechend aus und
unterstützen Küchen bei der Umstellung fachlich, organisatorisch und finanziell.
Fort- und Weiterbildungsangebote für Küchenpersonal werden ausgebaut.
Pflanzenbasiertes Kochen soll ein existentieller Teil der Kochausbildung werden.
Der Wandel in der Landwirtschaft hin zu pflanzenbasierter Produktion und
diversifizierten Wertschöpfungsmodellen erfordert verlässliche politische
Rahmenbedingungen. Dazu gehören insbesondere Investitionshilfen für betriebliche
Umstellungen, Einkommens- und Übergangsabsicherungen während
Transformationsphasen sowie ein Ausbau von Beratungs-, Qualifizierungs- und
Verarbeitungsstrukturen.
Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sowie nationale Förderinstrumente werden
stärker an Klima-, Umwelt- und Transformationszielen ausgerichtet, ebenso wie an
einer Haltungsform, die Tieren das Ausleben ihrer natürlichen Bedürfnisse
ermöglicht. Dabei orientiert sich der Umbau an den Prinzipien einer sozial
gerechten Just Transition, die Betriebe (auch finanziell) nicht alleinlässt,
sondern neue Perspektiven eröffnet.
Eine zukunftsfähige Ernährungspolitik berücksichtigt Versorgungssicherheit unter
Bedingungen von Klimakrise, geopolitischen Konflikten, Energieengpässen und
gestörten Lieferketten. Strategien der Ernährungssicherheit orientieren sich
daher stärker an direktem Anbau pflanzlicher Lebensmittel, dem Ausbau regionaler
Wertschöpfungsketten sowie der Stärkung pflanzlicher Proteinquellen.
Während der Selbstversorgungsgrad in Deutschland bei Schweinefleisch bei 135 %
liegt, beträgt er bei Hülsenfrüchten rund 62 %, bei Gemüse 37 % und bei Obst
lediglich 20 %. Deshalb ist der Ausbau regionaler Produktions- und
Verarbeitungskapazitäten sowie der Anbaus pflanzlicher Grundnahrungsmittel und
Proteine eine zentrale Voraussetzung, um die Versorgungssicherheit langfristig
zu erhöhen.
Eine nachhaltige Ernährung darf nicht an strukturellen oder finanziellen Hürden
scheitern. Steuerliche Rahmenbedingungen, z B die Gestaltung der Mehrwertsteuer,
werden so ausgestaltet, dass pflanzliche Grundnahrungsmittel und
pflanzenbasierte Alternativen nicht benachteiligt werden. Gleichzeitig werden
bestehende Förder-, Beschaffungs- und Steuerstrukturen daraufhin überprüft, ob
sie nachhaltige Ernährungsweisen unterstützen oder ihnen entgegenstehen.
Die industrielle Tierhaltung trägt erheblich zu Treibhausgasemissionen,
Biodiversitätsverlust sowie Boden- und Gewässerbelastungen bei. Besonders
Futtermittelproduktion und hohe Tierbestände führen zu Flächenkonkurrenz,
Nährstoffüberschüssen und der Zerstörung natürlicher Lebensräume. Insgesamt sind
ihr bis zu 20 Prozent der weltweiten Treibhausgase zuzuschreiben – und damit
mehr als dem gesamten Verkehrssektor. Die Bedeutung der Fleischproduktion ist in
der Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie spielt auch bei den politischen Bemühungen
um die Einhaltung des Klimaabkommens kaum eine Rolle. Dabei emittieren die fünf
weltgrößten Fleisch- und Milchkonzerne mehr klimaschädliche Gase als der Ölriese
Exxon. Die 20 größten Konzerne der Branche übertreffen mit ihren jährlichen
Emissionen sogar Deutschland, das drittgrößte Industrieland der Welt. Halten die
anderen Wirtschaftsbereiche ihre Vorgaben ein und entwickelt sich der Fleisch-
und Milchsektor im Trend der vergangenen Jahre weiter, steigt sein Anteil an den
klimaschädlichen Gasen auf über 30 Prozent im Jahr 2030 und auf mehr als 80
Prozent im Jahr 2050.
Auch das Risiko zoonotischer Erkrankungen wird durch intensive
Tierhaltungssysteme erhöht. Etwa drei Viertel aller neu auftretenden
Infektionskrankheiten und Pandemien sind sogenannte Zoonosen, die ihren Ursprung
im Tierreich haben. Bestätigt wird dies durch Einschätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach rund 75 Prozent der beim Menschen neu
entdeckten Keime der vergangenen Jahrzehnte von Tieren auf den Menschen
übersprungen sind. Eine pflanzenbetonte Ernährung trägt daher nicht nur zur
persönlichen Gesundheit bei, sondern dient auch zur Prävention
gesellschaftlicher gesundheitlicher Risiken.
Die Kirchen gehören mit ihren sozialen Einrichtungen zu den größten Akteuren der
Gemeinschaftsverpflegung in Deutschland. Allein in den Einrichtungen von Caritas
und Diakonie werden täglich rund 2,7 Millionen Mahlzeiten ausgegeben; hinzu
kommen zahlreiche weitere kirchliche Kitas, Schulen, Krankenhäuser,
Pflegeeinrichtungen und Angebote der Gemeindeverpflegung. Damit versorgen die
Kirchen täglich mehr Menschen als die großen Fast-Food-Ketten McDonald’s, Burger
King und KFC zusammen. Wer in dieser Größenordnung über Beschaffung und
Speisepläne entscheidet, hat erheblichen Einfluss auf Tierhaltung, Klimaschutz,
Ressourcenschonung und Ernährungsgewohnheiten. Angesichts ihres eigenen
Anspruchs auf Schöpfungsverantwortung und soziale Verantwortung sollten die
Kirchen eine Vorreiterrolle bei der Transformation hin zu einer stärker
pflanzenbasierten Ernährung übernehmen. Ihre ausdrückliche Einbeziehung erhöht
daher die Wirksamkeit und gesellschaftliche Reichweite der vorgeschlagenen
Maßnahmen erheblich.
Die Landwirtschaft in Deutschland trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher
Gase bei. Dafür verantwortlich sind vor allem Methan-Emissionen aus der
Tierhaltung (Fermentation und Wirtschaftsdüngermanagement von Gülle und
Festmist) sowie Lachgas-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden als
Folge der Stickstoffdüngung (mineralisch und organisch) [….]
Fleisch, Milch und Eier über den Umweg von Futtermitteln aus Getreide und
Ölsaaten vom Acker herzustellen führt zu einem gewaltigen Kalorienverlust. Die
Umwandlungsrate von pflanzlichen in tierische Kalorien schwankt im Idealfall
zwischen 2:1 bei Geflügel, 3:1 bei Schweinen, Zuchtfischen, Milch und Eiern und
7:1 bei Rindern.
Ein Kilogramm Rindfleisch enthält rund 700 Gramm Wasser. Doch eine ungleich
größere Menge steckt in der Produktion des Fleischs. Dieses sogenannte virtuelle
Wasser ist die Menge, die über den gesamten Herstellungsprozess anfällt. Im
globalen Durchschnitt sind es über 15.400 Liter pro Kilogramm Rindfleisch.
So benötigt man zum Beispiel für die Erzeugung von einem Kilogramm Kartoffeln im
weltweiten Durchschnitt etwa 290 Liter Wasser. Um die gleiche Menge Rindfleisch
zu erzeugen, bedarf es mehr als der 50-fachen Menge, nämlich über 15.400 Liter.
Für die Erzeugung von einem Kilo Schweinefleisch wird zwar weniger als die
Hälfte an Wasser benötigt, aber immer noch knapp 30-mal mehr als für die
Erzeugung eines Kilos Tomaten.
Agrarlandschaften sind Lebensraum für viele wildlebende Tier- und Pflanzenarten.
Felder, Wiesen, Weiden und Saumstrukturen dienen als Nahrungsgrundlage und
bieten Brut- und Rückzugsräume. Die intensive Landwirtschaft schränkt dieses
Potenzial jedoch erheblich ein. Die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft ist
seit Jahren rückläufig.
Die komplexen und untrennbaren Wechselbeziehungen zwischen Menschen und der
Biosphäre beschränken sich nicht nur auf den fortschreitenden Klimawandel und
den Artenschwund, sondern äußert sich auch in Bezug auf unsere Gesundheit. Dazu
gehört das zunehmend hohe und beschleunigte Auftreten von Krankheiten, die von
Tieren auf den Menschen übertragen werden können – sogenannte Zoonosen. So
stammen fast 75 Prozent aller neu auftretenden menschlichen
Infektionskrankheiten von Tieren; mehr als zwei Drittel davon von Wildtieren. Im
Fall von COVID-19, HIV, SARS, Influenza und der Pest können sich diese
Erkrankungen auch zu Pandemien entwickeln.
Fast überall wird heute mehr Fisch aus dem Meer geholt, als nachhaltig wäre. Für
die Gesundheit der Ozeane ist das ein großes Problem, denn durch die
Überfischung geraten Lebensräume und die biologische Vielfalt im Meer unter
Druck und die Widerstandskraft der Ökosysteme schrumpft. Je mehr Arten einem
Ökosystem verloren gehen, desto anfälliger wird es für Stress von außen. Und
weil Fisch ein globales Handelsgut ist, gefährdet die weltweite Überfischung
auch die Ernährungssicherheitvon vielen Millionen Menschen, deren
Nahrungsgrundlage auf dem Spiel steht.
Einfache Sprache
Wir wollen, dass mehr Menschen pflanzliche Lebensmittel essen. Dazu gehören zum
Beispiel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Getreide und Nüsse.
Eine stärker pflanzliche Ernährung hilft:
Tiere besser zu schützen,
das Klima und die Umwelt zu entlasten,
die Gesundheit zu fördern,
und die Versorgung mit Lebensmitteln auch in Krisenzeiten zu sichern.
Deshalb sollen politische Regeln so gestaltet werden, dass pflanzliche Ernährung
einfacher wird. Gleichzeitig sollen Landwirtinnen und Landwirte Unterstützung
bekommen, wenn sie ihre Betriebe umstellen möchten.
1. Mehr pflanzliches Essen in öffentlichen Einrichtungen
Kitas, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Behörden und andere
öffentliche Einrichtungen sollen standardmäßig eine pflanzliche Mahlzeit
anbieten.
Fleisch, Milchprodukte oder Eier können weiterhin angeboten werden. Sie sollen
aber nicht mehr automatisch die erste Wahl sein.
Auch die Kirchen sollen sich an diesem Wandel beteiligen. Sie betreiben viele
Schulen, Kitas, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.
Küchen sollen bei der Umstellung unterstützt werden. Dafür braucht es Geld,
Beratung und Fortbildungen. Pflanzliches Kochen soll außerdem ein fester
Bestandteil der Ausbildung von Köchinnen und Köchen werden.
2. Landwirtschaft beim Wandel unterstützen
Viele landwirtschaftliche Betriebe möchten neue Wege gehen. Dafür brauchen sie
verlässliche Unterstützung.
Dazu gehören:
finanzielle Hilfen für Investitionen,
Beratung und Weiterbildung,
Unterstützung während der Umstellungszeit.
Förderprogramme sollen stärker auf Klima-, Umwelt- und Tierschutz ausgerichtet
werden.
Ziel ist eine Landwirtschaft, die den Betrieben gute Zukunftsperspektiven bietet
und gleichzeitig Umwelt und Tiere besser schützt.
3. Ernährungssicherheit stärken
Klimakrise, Kriege und unterbrochene Lieferketten können die Versorgung mit
Lebensmitteln gefährden.
Deshalb sollen mehr pflanzliche Lebensmittel direkt für Menschen angebaut
werden. Regionale Produktion und Verarbeitung sollen gestärkt werden.
So werden wir unabhängiger von Importen und besser auf Krisen vorbereitet.
4. Faire Rahmenbedingungen schaffen
Gesunde und nachhaltige Ernährung darf keine Frage des Geldbeutels sein.
Steuern, Förderungen und andere politische Regeln sollen so gestaltet werden,
dass pflanzliche Lebensmittel nicht benachteiligt werden.
Nachhaltige und gesunde Ernährung soll für alle Menschen leichter zugänglich
werden.
5. Ernährungsbildung ausbauen
Menschen sollen besser verstehen können, wie Ernährung wirkt – auf die eigene
Gesundheit, auf Tiere, auf die Umwelt und auf das Klima.
Deshalb sollen Themen wie:
Ernährung,
Kochen,
Lebensmittelkunde,
nachhaltiger Konsum
stärker in Schulen, Ausbildung und Weiterbildung vermittelt werden.
6. Regionale Wertschöpfung fördern
Der Anbau und die Verarbeitung pflanzlicher Lebensmittel in der Region sollen
ausgebaut werden.
Besonders der Anbau von heimischen Eiweißpflanzen wie Erbsen, Bohnen oder
Lupinen soll gefördert werden.
Außerdem sollen Forschung und Innovationen im Bereich pflanzlicher Lebensmittel
unterstützt werden.
Das stärkt die regionale Wirtschaft und schafft neue Chancen im ländlichen Raum.
Begründung
Eine stärker pflanzliche Ernährung hat viele Vorteile.
Für Umwelt und Klima:
Die intensive Tierhaltung verursacht viele Treibhausgase und belastet Böden,
Gewässer und die Artenvielfalt. Pflanzliche Lebensmittel benötigen meist weniger
Fläche, Wasser und Energie.
Für die Gesundheit:
Eine ausgewogene pflanzliche Ernährung kann das Risiko für verschiedene
Krankheiten senken. Außerdem wird dadurch die Abhängigkeit von Antibiotika in
der Tierhaltung reduziert.
Für die Ernährungssicherheit:
Heute werden große Mengen Getreide als Tierfutter verwendet. Würden mehr
Pflanzen direkt für Menschen angebaut, könnten Flächen effizienter genutzt
werden.
Für den Tierschutz:
Viele Tiere leiden unter den Bedingungen der industriellen Tierhaltung. Weniger
Tierprodukte bedeuten auch weniger Tierleid.
Deshalb ist eine stärkere Förderung pflanzlicher Ernährung ein wichtiger Beitrag
zu Klima-, Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutz.
