| Veranstaltung: | 52. Bundesdelegiertenkonferenz Berlin |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | V TOP 10 - Verschiedenes (1/2) |
| Antragsteller*in: | Sabine Keller (KV Köln) und 197 weitere Antragsteller*innen (Frauenanteil: 77%) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 07.10.2026, 21:27 |
V-15: Zusammenhalt durch Haltung – Mit klarem feministischem Kompass neue Mehrheiten gewinnen
Antragstext
Das sogenannte „Männermanifest“ wühlt uns auf – und das aus gutem Grund. Es
behauptet, im feministischen Kampf sei „etwas auf der Strecke geblieben“ und wir
hätten ein „Vakuum geschaffen“, das nun von rechten Akteuren ausgenutzt wird.
Doch damit werden Ursache und Wirkung verdreht. Statt dem Feminismus die Schuld
an heutigen Krisen zu geben, sollten wir betonen, was für eine großartige und
befreiende Kraft er in Wahrheit ist. Patriarchale Muster zu überwinden, hilft
uns dabei, viele unserer aktuellen Probleme zu lösen, und ist ein Motor für
unsere grünen Ziele.
Wir beobachten gesellschaftlich eine zunehmende Vereinsamung von Männern. Doch
diese Krise ist nicht das Ergebnis weiblicher Emanzipation, und der Feminismus
hat hier auch keine Leerstelle hinterlassen. Die „Loneliness Epidemic“ ist im
Kern ein Defizit an emotionaler Kompetenz, Beziehungsarbeit und der Übernahme
von Care-Verantwortung. Der Feminismus strebt seit jeher danach, auch Männer aus
den toxischen Zwängen des Patriarchats zu befreien. Doch dies ist eine Aufgabe,
die Männer nun selbst anpacken müssen. Frauen wollen und werden diesen
Aufholprozess nicht länger durch politische oder private Rücksichtnahme
kompensieren.
Weltweit sehen wir als Reaktion auf feministische Erfolge einen Backlash und
toxische männliche Anspruchshaltungen. Die starke, emanzipatorische Antwort
darauf ist, dass Frauen klare Grenzen ziehen und sich aus einseitigen Dynamiken
befreien. Anstatt in alten Mustern zu verharren, machen sie den Weg frei für
etwas Neues. Unser politisches Ziel ist eine solidarische Begegnung der
Geschlechter: die vollständige Gleichwertigkeit und die Bereitschaft aller,
echte Verantwortung zu übernehmen.
Die innerparteiliche Debatte um neue Zielgruppen ist wichtig. Wir wollen und
müssen gesellschaftlich in die Breite wirken und neue Gruppen erschließen.
Vertrauen entsteht jedoch nicht, wenn wir versuchen, Milieus am konservativen
Rand zu umwerben, indem wir unsere Kernwählerinnen – feministische Frauen –
enttäuschen oder ihre Werte relativieren.
Wer versucht, ein vermeintliches Vakuum mit Zugeständnissen an traditionelle
Männlichkeitsbilder (wie der Betonung von Beschützerrollen) zu füllen,
unterliegt einem strategischen Missverständnis. Politisches Wachstum gelingt am
besten aus eigener Stärke und einer klaren Haltung heraus. Wer für etwas steht,
strahlt Orientierung aus. Nur wenn wir unseren Kompass bewahren und unsere Werte
selbstbewusst vertreten, anstatt sie für kurzfristige Effekte aufzuweichen,
gewinnen wir nachhaltig neue Mehrheiten, ohne unsere Basis zu verlieren.
Die strategische Erschließung neuer Wähler*innengruppen wird an der Vermittlung
von konkretem politischem Nutzen ausgerichtet – etwa durch soziale Klimapolitik,
Alltagsverbesserungen, gute Infrastruktur, bezahlbarem Wohnraum und fairen
Löhnen. Jeder Versuch, auf populistische Narrative aufzuspringen, wird durch
eine lösungsorientierte und wertegeleitete Kommunikation ersetzt. Unsere
emanzipatorischen Grundsätze stehen dabei nicht als Verhandlungsmasse zur
Disposition.
Wir fördern gezielt Formate und Ressourcen, die echte Begegnungen und aktives
Zuhören jenseits klassischer grüner Milieus ermöglichen. Politik muss dort
stattfinden, wo das Leben der Menschen stattfindet: in Vereinen, im Handwerk,
bei der Feuerwehr oder in der Nachbarschaftshilfe. Die alltäglichen Beiträge,
die unzählige Menschen im Ehrenamt, beim pragmatischen Klimaschutz oder bei der
Care-Arbeit leisten, wollen wir politisch anerkennen, wertschätzen und materiell
entlasten.
Das Anliegen, Jungen und Männer von toxischen Rollenbildern zu befreien, ist und
bleibt fester Bestandteil unserer feministischen Freiheits- und
Gesellschaftspolitik. Wir bauen Programme zur Förderung emotionaler Kompetenz
aus, um die gesellschaftliche Lücke in der Beziehungs- und Care-Arbeit zu
schließen. Zudem unterstützen wir auch Jungen und Männer zielgerichtet bei ihren
strukturellen Herausforderungen – insbesondere bei psychischer Gesundheit,
Suizidprävention, Bildung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Freiheit braucht Sicherheit. Der Schutz vor geschlechtsspezifischer, häuslicher
und digitaler Gewalt ist eine staatliche Kernaufgabe zur Garantie von
Freiheitsrechten und wird kontinuierlich ausgebaut. Schutz- und
Beratungsangebote für alle Menschen, die von patriarchaler Gewalt betroffen
sind, müssen flächendeckend verlässlich ausfinanziert werden. Gleichzeitig wird
Antifeminismus als demokratiegefährdendes Phänomen systematisch in
Präventionsprogrammen bekämpft.
Echte Gleichberechtigung erfordert ökonomische Unabhängigkeit. Wir treiben die
ökonomische Gerechtigkeit voran – unter anderem durch die konsequente Umsetzung
von Equal Pay, die Abschaffung fehlanreizender Steuermodelle, die alte
Rollenbilder zementieren, und Rahmenbedingungen für eine faire,
partnerschaftliche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit.
Wir stellen sicher, dass grundsatznahe Debatten – wie jene über
gesellschaftliche Rollenbilder – stets in unsere bestehenden, breiten und
intersektionalen Beteiligungsstrukturen eingebunden werden. Demokratie lebt von
der Bereitschaft, einander zuzuhören und Positionen gemeinsam
weiterzuentwickeln. Wir setzen auf eine Debattenkultur, die die Parteibasis
aktiv einbindet und unsere politischen Prioritäten gemeinsam entlang der
Parteistrukturen weiterentwickelt.
Einfache Sprache
Warum wir diesen Antrag stellen
Feminismus ist gut für alle: Das sogenannte „Männermanifest“ behauptet,
dass der Feminismus an manchen Problemen von Männern schuld sei. Das sehen
wir anders. Feminismus ist unser Fundament, um Freiheit und Gerechtigkeit
für alle Menschen zu erreichen.
Keine alten Rollenbilder: Wir wollen Menschen nicht vorschreiben, was
„typisch Mann“ oder „typisch Frau“ ist.
Einsamkeit ist kein Fehler der Frauen: Viele Männer sind einsam. Das liegt
aber nicht an starken Frauen. Es liegt oft daran, dass Männer nicht
gelernt haben, über Gefühle zu reden oder sich um andere zu kümmern. Das
müssen Männer selbst ändern. Frauen werden diese Arbeit nicht länger für
sie übernehmen.
Klare Werte gewinnen Wahlen: Wir wollen neue Wählerinnen und Wähler
gewinnen. Aber wir dürfen unsere grünen Werte nicht verraten, um
konservativen Männern zu gefallen. Wir gewinnen nur, wenn wir unseren
Überzeugungen treu bleiben.
Was wir fordern (Die 6 Beschlüsse) Die Bundesdelegiertenkonferenz beauftragt den
Vorstand und die Politiker*innen der Partei mit diesen 6 Punkten:
1. Gute Politik statt falscher Versprechen Wir wollen neue Menschen überzeugen,
indem wir ihren Alltag verbessern (zum Beispiel durch bessere Klimapolitik,
faire Löhne, gute Straßen, günstige Wohnungen). Wir machen keine einfachen,
populistischen Versprechen und weichen unsere Werte nicht auf.
2. Raus in den Alltag der Menschen Wir machen Politik dort, wo das Leben
stattfindet: im Verein, in der Nachbarschaft. Wir wollen den Menschen zuhören
und die Arbeit anerkennen, die sie jeden Tag für unsere Gesellschaft leisten.
3. Gefühle lernen und Männer unterstützen Wir wollen Jungen und Männer von dem
Druck befreien, immer „stark“ oder „hart“ sein zu müssen. Wir fördern Programme,
in denen sie lernen, besser mit Gefühlen umzugehen. Zudem unterstützen wir sie
gezielt bei Themen wie seelischer Gesundheit oder Schule – aber immer als Teil
unserer feministischen Politik, nicht als Gegeneinander.
4. Sicherheit vor Gewalt Jeder Mensch muss sicher leben können. Menschen, die
patriarchale Gewalt erleben, brauchen gute Beratung und Schutzräume. Der Staat
muss dafür genug Geld zur Verfügung stellen. Wer gegen den Feminismus hetzt,
gefährdet die Demokratie und muss gestoppt werden.
5. Unabhängig durch eigenes Geld Echte Gleichberechtigung gibt es dann, wenn man
finanziell unabhängig ist. Wir fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine
bessere Bezahlung für Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten (wie Erziehung
oder Pflege). Wer sich um Kinder oder Angehörige kümmert, leistet wertvolle
Arbeit und muss dafür besser finanziell abgesichert sein (zum Beispiel bei der
Rente). Steuergesetze, die alte Rollenbilder fördern (wie das
Ehegattensplitting), wollen wir abschaffen. Hausarbeit und Kinderbetreuung
müssen fair aufgeteilt werden.
6. Gemeinsam in der Partei diskutieren Wichtige Themen wollen wir gemeinsam in
der Partei besprechen und entscheiden
