| Veranstaltung: | 52. Bundesdelegiertenkonferenz Berlin |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | V TOP 10 - Verschiedenes (1/2) |
| Antragsteller*in: | BAG Arbeit, Soziales, Gesundheit (dort beschlossen am: 03.10.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 06.10.2026, 23:50 |
V-10: Das Gelbe Heft weiterdenken: Kindergesundheit stärken und Prävention fördern
Antragstext
Die Früherkennungsuntersuchen (U-Untersuchungen) sind eine Erfolgsgeschichte der
Prävention in Deutschland. Diese standardisierten Früherkennungs- und
Vorsorgeuntersuchungen sollen bei jedem Kind die gesunde körperliche und
geistige Entwicklung überwachen und Krankheiten und Entwicklungsverzögerungen
frühzeitig erkennen. Seit 1971 werden die Ergebnisse ins Kinderuntersuchungsheft
(Gelbe Heft) eingetragen, das Eltern kurz nach der Geburt erhalten. Die frühen
U-Untersuchungen haben eine Teilnahmequote von rund 99 Prozent, die U9 kurz vor
der Einschulung von über 90 Prozent1. Kaum ein anderes Angebot des
Gesundheitssystems erreicht so viele Menschen so verlässlich. Speziell bei
Kindern, die keine Kita oder noch keine Schule besuchen, sind die U-
Untersuchungen oft die einzige Gelegenheit, überhaupt zu erkennen, ob ein Kind
oder die gesamte Familie Unterstützung braucht. Gleichzeitig kann das derzeitige
System nicht an allen Fällen adäquat auf gesundheitliche Probleme von Kindern
eingehen; insbesondere bei gesundheitlichen Problemen, bei denen eine
Betrachtung auch aus psychosozialer Perspektive notwendig ist.
Vor dem Hintergrund des Erfolgs und der gleichzeitigen Herausforderungen bei den
U-Untersuchungen, ist es umso alarmierender, dass die Bundesregierung mit dem
GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz gerade hier den Rotstift ansetzt. Ab 2027
sollen auch Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen budgetiert werden.
Künftig gelte: Ist der Quartals-„Topf" einer Praxis ausgeschöpft, werden keine
weiteren Vorsorgetermine mehr vergütet. In der Konsequenz drohen gesetzlich
garantierte Präventionsleistungen faktisch zu privat zu zahlenden Leistungen zu
werden – Kinder- und Jugendärzt*innen warnen bereits vor einer
„Zweiklassenmedizin bei Babys" 2,3. Dem treten wir entgegen: Wer bei der
Prävention kürzt, zahlt am Ende drauf, schadet Menschen direkt und indirekt uns
allen. Jeder in Prävention investierte Euro bekommt die Gesellschaft vielfach
zurück – gerade bei Kindern und Jugendlichen.
Zudem sehen wir, dass sich die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in
unserem Land in wichtigen Bereichen verschlechtert. Dies ist nicht hinnehmbar.
Laut einer repräsentativen Studie fühlte sich 2025 jedes vierte Kind psychisch
belastet, bei Kindern aus einkommensschwachen Familien ist es nahezu jedes
dritte4. Fast jedes sechste Kind ist übergewichtig5. Über zehn Prozent aller
Kinder erleben seriösen Schätzungen zufolge Gewalt, die wenigsten von ihnen
erhalten Hilfe6. Die Anzahl an gemeldeten Kindswohlgefährdungen ist in den
letzten fünf Jahren um 31% gestiegen7.
Wir sehen in den U-Untersuchungen ein enormes ungehobenes Potenzial. Mit den
anschließenden geforderten fünf Weichenstellungen wollen wir die Untersuchungen
an die bestehenden Herausforderungen anpassen, um Kindern und Jugendlichen
gerade auch bei sozialen und psychischen Belastungen besser helfen zu können.
Wir wollen bewahren, was die U-Untersuchungen stark macht: ihre Reichweite und
die Sicherheit, die sie Eltern geben. Zugleich wollen wir derzeit bestehende
blinde Flecken adressieren. Unser Ziel ist ein Vorsorgesystem, das noch mehr
Kindern und Jugendlichen ein Leben in Gesundheit, Freiheit und Selbstbestimmung
ermöglicht.
Ein großer Schwachpunkt des bestehenden Systems der U-Untersuchungen ist der
weite Weg von der Feststellung einer Auffälligkeit zur konkreten Hilfe. Diese
vermittelnde Rolle sollen die pädiatrischen Praxen einnehmen. Diese können sie
in der Realität aufgrund des hohen Aufkommens von Patient*innen jedoch kaum
adäquat erfüllen. Sieht ein*e niedergelassene*r Ärzt*in in der Regel ca. 60
Kinder pro Arbeitstag, sind es bei saisonalen Infektwellen schnell bis über 100
Kinder und bei einem regionalen Mangel an Ärzt*innen auch bis zu 150 Kinder pro
Tag. Häufig kann die offerierte Hilfe dann nicht über das Mitgeben eines Flyers
hinausgehen. Gerade Kinder, deren Eltern Ressourcen fehlen, um sich um eine
Anschlussversorgung zu bemühen, fallen so durchs Raster. Wir setzen uns dafür
ein, dass regelhaft und bundesweit die Möglichkeit etabliert wird, dass Familien
unmittelbar in der aufgesuchten Praxis sozialpädagogische Unterstützung und Rat
bekommen bzw. diese direkt an geeignete Stellen – inklusive Terminmanagement –
weitervermittelt werden. Hier gilt es, insbesondere eine enge Verzahnung mit dem
öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) zu gewährleisten, um eine längerfristige
Unterstützung der Familien zu realisieren. Gleichzeitig sollte der ÖGD
eingesetzt werden, um Familien zu unterstützten, wenn Kinder U-Untersuchungen
nicht wahrnehmen (können).
- eine flächendeckende, institutionell verankerte Zusammenarbeit der Kinder-
und Jugendarztpraxen mit niedrigschwelligen kommunalen Hilfen (Frühe
Hilfen, Familienhebammen, Erziehungs- und Familienberatung, Jugendhilfe,
ÖGD) mit dem Ziel eines niedrigschwelligen Übergangs zwischen
medizinischer und sozialer Versorgung;
Für viele körperliche Befunde, etwa Hüftfehlstellungen, Seh- oder Hörfehler,
sind die Untersuchungen konkret vorgeschrieben. Für die psychosozialen Inhalte
gilt das nicht. Wie ein*e Ärzt*in feststellt, ob ein Kind seine Gefühle
regulieren und Enttäuschungen aushalten kann, bleibt weitgehend ihr/ihm
überlassen. Auch das Beratungsgespräch über Bildschirmzeiten, Ernährung,
psychische Gesundheit und Gewalt ist in der Richtlinie zu den U-Untersuchung
zwar vorgesehen, seine Ausgestaltung aber den Praxen überlassen. Hier müssen,
zusammen mit den medizinischen Fachgesellschaften, praxistaugliche Instrumente
und verlässliche Standards entwickelt werden. Gleichzeitig können pädiatrische
Praxen diese Aufgabe nicht allein tragen, sodass der Besuch einer KiTa
spätestens ab dem 3. Jahr allen Eltern für ihre Kinder ans Herz gelegt werden
soll. Denn jedes Kind soll vom KiTa-Besuch und der damit verbundenen zentralen
Spracherwerbs-, Förder- und Präventionsstruktur profitieren. Bereits in der
Schwangerschaft und in Geburtskliniken sollte strukturiert darauf geachtet
werden, ob Eltern besonderen Belastungen ausgesetzt sind und Unterstützung
benötigen
Die Früherkennung psychosozialer Belastungen nützt jedoch nur, wenn auf sie auch
Hilfe folgt. Hier fehlen Kapazitäten: Sozialpädiatrische Zentren und
Frühförderstellen haben vielerorts Wartezeiten von über einem Jahr. Praxen der
Kinder- und Jugendpsychotherapie haben ebenfalls enorm lange Wartelisten. 32,5
Wochen vergehen im Schnitt zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer
Psychotherapie8. Familien mit mangelnden Ressourcen schaffen es zu häufig nicht,
einen freien Therapieplatz zu finden. Eine Ergänzung der U-Untersuchungen um
psychosoziale Inhalte ist deshalb ein wichtiger, aber nur ein erster Schritt zu
einer insgesamt besseren Versorgung. Wirksam wird er nur im Verbund mit dem
Ausbau niedrigschwelliger psychosozialer Beratungsangebote in
sozialpädiatrischen Zentren sowie psychotherapeutischer Therapiekapazitäten.
Es ist erstaunlich: Die Ergebnisse der U-Untersuchungen sind auf
Bevölkerungsebene bis heute eine Blackbox. Die Daten dieser riesigen
Reihenuntersuchung werden nicht zentral ausgewertet und stehen der Forschung
nicht zur Verfügung. Damit entgeht uns als Gesellschaft ein wichtiger Blick auf
die kollektive Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen. Dabei wurden die
Voraussetzungen geschaffen.
Mit dem MIO U-Heft liegt ein von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
entwickelter, interoperabler Datenstandard (FHIR) vor für die strukturierte
digitale Dokumentation der U-Untersuchungen. Woran es fehlt, ist die Umsetzung.
Das MIO U-Heft ist weder verbindlich in der Ausbauplanung der elektronischen
Patientenakte (ePA) verankert, noch sind Krankenkassen und Hersteller von
Praxisverwaltungssystemen verpflichtet, es einzuführen. In den aktuellen
Ausbaustufen der gematik, die etwa den digital gestützten Medikationsprozess und
die Datenausleitung an das Forschungsdatenzentrum umfassen, kommt es nicht vor.
- die verbindliche Aufnahme des bestehenden MIO U-Hefts in die ePA-
Ausbauplanung der gematik mit einer gesetzlich festgelegten
Umsetzungsfrist. Krankenkassen und Hersteller von
Praxisverwaltungssystemen sollen verpflichtet werden, das MIO U-Heft zu
implementieren. Die Befüllung durch die Praxen ist verbindlich zu regeln
und angemessen zu vergüten, damit das digitale U-Heft das Gelbe Heft
perspektivisch ablöst;
- die zügige Nutzung der Daten aus dem digitalen U-Heft für Forschung und
Weiterentwicklung der U-Untersuchungen über den bestehenden Weg nach dem
Gesundheitsdaten-nutzungsgesetz unter besonderer Berücksichtigung von
Datensparsamkeit, Zweckbindung und klaren Regeln für den Umgang mit
sensiblen Befunden;
Zwischen der U9 für Fünfjährige und der Jugenduntersuchung J1 im Alter von 12
bis 14 Jahren klafft eine große Lücke gerade in der Phase, in der sich am
Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule viele psychosoziale
Belastungen abzeichnen. Wir begrüßen daher die Entscheidung des Gemeinsamen
Bundesausschuss zur Verankerung einer zusätzlichen Früherkennungs-untersuchung
(„U10“) für Kinder zwischen neun und zehn Jahren.
Gleichzeitig wollen wir die gesundheitliche Unterstützung von Kindern im (Vor-
)Schulalter weiter ausbauen. Erstens setzen wir uns für verpflichtende so
genannte „Viereinhalbjährigen-Untersuchungen“ ein. In Hamburg existieren diese
seit vielen Jahren. Sie finden an den Grundschulen statt und erfassen
flächendeckend die Sprachkompetenzen rund anderthalb Jahre vor dem
Einschulungstermin. Kinder mit Sprachförderbedarf werden frühzeitig erkannt und
können vor der Einschulung gezielt gefördert werden. Dies hat sich in Hamburg
als sinnvoll erwiesen. Gleichzeitig ist zu prüfen inwiefern bei einer solchen
Untersuchung auch gesundheitliche Entwicklungsaspekte zu evaluieren sind. Auch
vor diesem Hintergrund streben wir zweitens die Einführung bzw. Stärkung von
Schulgesundheitsfachkräften (sog. School Nursing) an. Während bei
Schulgesundheitsfachkräften häufig insbesondere an die Erstversorgung bei
Verletzungen und plötzlichem Unwohlsein gedacht wird, ist das Aufgabenspektrum
deutlich weiter zu fassen. So fällt darunter unter anderem auch die
Unterstützung chronisch kranker Kinder, die Förderung der gesundheitlichen
Prävention, die Präsenz als Vertrauensperson für Kinder und Jugendliche im
Schulalltag, sowie auch die Beratung von Eltern. Um dieses Aufgabenspektrum
auszufüllen, braucht es fundierte pflegerische Qualifikation. Schul-
gesundheitspflege ist gerade für akademisierte Pflegfachpersonen (Advanced
Practice Nursing) ein attraktives Berufsbild und sollte berufsrechtlich
verankert werden. Die Einbindung der Fachkräfte in den Schulalltag bietet viele
Chancen, die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.
Ein erheblicher Teil der Kinder in Deutschland, schätzungsweise rund zehn
Prozent, erleben Gewalt – körperlich, psychisch oder sexualisiert-, doch nur die
wenigsten erhalten Hilfe6. Die U-Untersuchungen sind hier aufgrund der breiten
Annahme des Angebots eine große, bislang zu wenig genutzte Chance, Kinder
wirksam vor Gewalt zu schützen. Das Ansprechen von Gewalt, ob psychisch oder
physisch, ist eine hochsensible Angelegenheit. Viele Kinder- und
Jugendärzt*innen sind, verständlicherweise, unsicher im Umgang hiermit.
Ärzt*innen wolle Eltern und das gesamte familiäre Umfeld nicht zu Unrecht
verdächtigen. Gleichzeitig besteht, vor dem Hintergrund der erwähnten Prävalenz
von Gewalt, enormer Handlungsbedarf.
Wirksamer Kinderschutz in der Praxis verlangt somit eine sorgsame Konstruktion
mit einer Trennung von Hilfe und Kontrolle. Gleichzeitig können bestehende
Unterstützungsangebote aufgrund hoher Zugangshürden, fehlender Informationen
oder mangelnder zeitlicher Ressourcen schwer erreichbar sein. Angebote sollten
freiwillig, vertraulich und kostenfrei sein, um Stigmatisierungsprozessen
entgegenzuwirken. Dafür braucht es unter anderem Familiensprechstunden in
pädiatrischen Praxen, bei denen eine sozialmedizinisch geschulte MFA Familien
niedrigschwellig in freiwillige Unterstützungsangebote begleitet und dabei als
Lotsin wirkt, nicht als Kontrollinstanz.
Für die ernsten Verdachtsfälle braucht es davon getrennte, fachlich fundierte
Beratungswege. Das deutsche Recht sieht hierfür ein gestuftes Verfahren vor: Bei
gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung wird die Situation
zunächst mit Kind und Sorgeberechtigten erörtert und auf die Inanspruchnahme von
Hilfe hingewirkt; anschließend haben Ärzt*innen einen Anspruch auf Beratung
durch eine insoweit erfahrene Fachkraft, wobei die Falldaten anonymisiert
bleiben und ausdrücklich keine Meldung erfolgt; erst wenn die Gefährdung anders
nicht abwendbar ist, wird das Jugendamt einbezogen. Ergänzend steht mit der
Medizinischen Kinderschutzhotline eine bundesweite, kostenfreie und rund um die
Uhr erreichbare ärztliche Erstberatung unterhalb der Meldeschwelle zur
Verfügung, die seit 2025 gesetzlich verankert ist. Diese Strukturen bilden die
zentrale fachliche Anlaufstelle unterhalb des Jugendamts; ihre Bekanntheit und
Ausstattung müssen gestärkt werden.
Von den vorgeschlagenen Maßnahmen erhoffen wir uns eine notwendige Balance:
Einerseits darf kein Klima des Misstrauens entstehen, andererseits muss im
eindeutigen Verdachtsfall schnell und wirksam gehandelt werden. Der evaluierte
Ansatz aus Schulung der Praxisteams und interprofessioneller Vernetzung (PATH
bzw. interprofessionelle Qualitätszirkel) hat gezeigt, dass Belastungen so
deutlich besser erkannt und Familien wirksamer in Hilfen übergeleitet werden9.
Voraussetzung dafür ist, dass Gesundheitspersonal für diese Gespräche Zeit und
eine angemessene Vergütung erhalten – beides ist als zentrale Hürde der
bisherigen Umsetzung zu identifizieren10.
Über das Gelbe Heft gelang es eine breite frühkindliche Versorgung in
Deutschland zu etablieren. Wir wollen dieses Erfolgssystem auf die nächste Stufe
heben und fit machen für die Herausforderungen der heutigen Zeit. Diese
Herausforderungen sind insbesondere bedingt durch verstärkte psychische
Belastungen im Rahmen der COVID-Pandemie, der Digitalisierung sowie
internationaler Krisen, die gerade Kinder und Jugendliche stark beschäftigen.
Während unser Gesundheitssystem sich in der Zeit der Pandemie als resilient
erwiesen hat und viele Mitarbeitende aufopferungsvoll daran mitgewirkt haben,
dass wir die Pandemie vergleichsweise glimpflich überstanden haben, wurde diese
Zeit doch von vielen Menschen als traumatisch wahrgenommen in Bezug auf stärkere
Vereinsamung und Isolation. Zudem haben Verschwörungstheorien – auch rund um das
Thema Impfen – sowie politische Radikalisierungstendenzen allgemein einen
erschreckenden Aufschwung erlebt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer
zunehmend politisierten Debatte um Impfungen, ist eine psychosoziale und
medizinische Versorgung von Familien durch niedrigschwellige, mehrsprachige
Angebote und ausführliche, einfühlsame Beratung ein zentraler Schlüssel für
Vertrauensgewinn und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Kindern und
Jugendleichen in unserem Land.
Wir schulden Kindern und Jugendlichen eine optimale Förderung von Geburt an,
damit sie sich in Freiheit, Sicherheit und als Teil der Gesellschaft entfalten
können. Kinder und Jugendlichen in unserem Land sind unser wohl wichtigstes Gut.
Kaum eine Investition zahlt sich langfristig so sehr aus wie eine Investition in
junge Menschen. Jeder einzelne junge Mensch ist kostbar und als Gesellschaft
dürfen wir keinen einzigen auf der Strecke lassen.
- die geplante Budgetierung von Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen
im Rahmen des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes zurückzunehmen; die U-
Untersuchungen müssen, ebenso wie Kinderimpfungen und die
Schwangerenvorsorge, dauerhaft von jeder Mengenbegrenzung ausgenommen und
extrabudgetär, also vollständig, vergütet werden. Die 2023 erreichte
Entbudgetierung der Kinder- und Jugendmedizin ist zu sichern.
1. Schmidtke, C., Kuntz, B., Starker, A. & Lampert, T. Inanspruchnahme der
Früherkennungsuntersuchungen für Kinder in Deutschland – Querschnittergebnisse
aus KiGGS Welle 2. J. Health
Monit.https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-
Monitoring/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_04_2018_Inanspruchnahme_Frueherkennung_-
KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (2018).
4. Deutsches Schulbarometer: Psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen
steigt erstmals nach Pandemie wieder an | Robert Bosch Stiftung. https://bosch-
stiftung.de/presse/deutsches-schulbarometer-psychische-belastung-bei-kindern-
und-jugendlichen-steigt-erstmals.
5. Themenblatt: Adipositas bei Kindern und Jugendlichen.
https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-
Surveillance/Studien/Adipositas-
Monitoring/Adipositas/HTML_Themenblatt_Adipositas.html.
6. Andresen, S. Dunkelfeldstudie: Fast 13 Prozent erlebten sexualisierte Gewalt
im Kinder- und Jugendalter. Der
Kinderschutzbundhttps://kinderschutzbund.de/dunkelfeldstudie-fast-13-prozent-
erlebten-sexualisierte-gewalt-im-kinder-und-jugendalter/ (2025).
7. Kindeswohlgefährdungen auf neuem Höchststand: Fallzahl binnen fünf Jahren um
31 % gestiegen. Deutscher
Präventionstaghttps://www.praeventionstag.de/nano.cms/news/details/10500.
8. Ärzteblatt, D. Ä. G., Redaktion Deutsches. Stiftung: Zu lange Wartezeit auf
Psychotherapie für Jugendliche. Deutsches
Ärzteblatthttps://www.aerzteblatt.de/news/stiftung-zu-lange-wartezeit-auf-
psychotherapie-fur-jugendliche-af1e6376-7442-4c66-8c2c-d5cddcab56d1 (2026).
10. ZuFa-Monitoring Pädiatrie – Ergebnisse | NZFH Frühe Hilfen.
fruehehilfen.dehttps://www.fruehehilfen.de/forschung-im-nzfh/kooperations-und-
schnittstellenforschung/zusammen-fuer-familien-zufa-monitoring-gesundheit-und-
fruehe-hilfen/zufa-monitoring-paediatrie/zufa-monitoring-paediatrie-ergebnisse/.
Einfache Sprache
Das Gelbe Heft weiterdenken
Viele Kinder in Deutschland nehmen regelmäßig an Vorsorge-Untersuchungen teil.
Diese heißen U-Untersuchungen. Die Ergebnisse stehen im Gelben Heft. Deshalb
sind die Untersuchungen eine sehr gute Chance, früh zu merken, wenn ein Kind
oder eine Familie Hilfe braucht.
Es gibt aber zwei Probleme. Erstens will die Bundesregierung ab 2027 bei diesen
Untersuchungen sparen. Praxen sollen dann nur noch eine feste Menge an
Untersuchungen bezahlt bekommen. Wir sagen: Das ist falsch. Wer bei der Vorsorge
spart, zahlt später mehr. Zweitens geht es vielen Kindern schlechter als früher.
Jedes vierte Kind fühlt sich seelisch belastet. Fast jedes sechste Kind ist
übergewichtig. Mehr als jedes zehnte Kind erlebt Gewalt. Die U-Untersuchungen
achten bisher zu wenig auf solche Probleme.
Deshalb wollen wir die U-Untersuchungen in fünf Punkten verbessern:
1. Hilfe an einem Ort. Kinderärzt*innensehen oft sehr viele Patient*innen am
Tag. Für Beratung bleibt wenig Zeit. Oft bekommen Familien nur einen Flyer. Wir
wollen, dass Familien direkt in der Praxis Unterstützung bekommen oder gut
weitergeleitet werden, zum Beispiel an Frühe Hilfen oder Familienhebammen.
Praxis-Mitarbeitende sollen dafür besser ausgebildet werden. Familien, die
Untersuchungen verpassen, sollen eine Einladung und Unterstützung bekommen.
2. Bessere Fragen zur seelischen Gesundheit. Für körperliche Untersuchungen gibt
es klare Regeln. Für Fragen zu Gefühlen, Medien, Ernährung oder Gewalt gibt es
diese Regeln nicht. Wir wollen gute, geprüfte Fragebögen und Schulungen für
Ärzt*innen. Außerdem braucht es mehr Therapieplätze, denn bisher warten Kinder
im Schnitt über 30 Wochen auf eine Psychotherapie. Auch mehr Kita-Plätze und
mehr Beratung für Eltern sind wichtig.
3. Das Gelbe Heft digital machen. Die Ergebnisse der U-Untersuchungen werden
bisher nirgends gesammelt ausgewertet. Es gibt schon eine digitale Version, das
MIO U-Heft. Sie wird aber nicht genutzt. Wir wollen, dass das digitale U-Heft
Pflicht in der elektronischen Patientenakte wird. Die Daten sollen, gut
geschützt, für die Forschung genutzt werden können. Eltern sollen einfach
widersprechen können.
4. Vorsorge für Schulkinder. Wir setzen uns für eine besser Gesundheit von
Kindern im Schul- und Vorschulalter ein. Wir schlagen wir vor, eine Untersuchung
für Viereinhalbjährige in ganz Deutschland zu prüfen. Dabei wird geschaut, ob
ein Kind vor der Schule Hilfe bei der Sprache braucht. Wir wollen mehr
Gesundheits-Fachkräfte an Schulen, sogenannte School Nurses.
5. Kinder vor Gewalt schützen. Viele Ärzt*innen sind unsicher, wenn es um Gewalt
in Familien geht. Wir wollen Hilfe und Kontrolle klar trennen. Familien sollen
freiwillig, vertraulich und kostenlos Unterstützung bekommen. Bei ernstem
Verdacht gibt es schon feste Wege, zum Beispiel Beratung durch Fachleute und die
Medizinische Kinderschutzhotline. Diese Angebote sollen bekannter
werden.Ärzt*innen und Praxisteams sollen besser geschult und für diese Gespräche
fair bezahlt werden.
Unsere wichtigste Forderung: Die Bundesregierung soll die geplanten
Sparmaßnahmen bei den Vorsorge-Untersuchungen zurücknehmen. U-Untersuchungen,
Kinder-Impfungen und Schwangeren-Vorsorge müssen immer voll bezahlt werden. Denn
jedes Kind ist wichtig, und keine Investition lohnt sich so sehr wie die
Investition in junge Menschen.
Begründung
Unser Gesundheitssystem setzt zu wenig auf Prävention. Es ist daher unverständlich, dass die Bundesregierung eine der erfolgreichsten Präventionsmaßnehmen, die U-Untersuchungen, budgetiert und damit bei der Kindergesundheit kürzt. Wir stellen uns klar dagegen und setzen uns für Kindergesundheit ein.
