Wir sind eine Gruppe selbst an PAIS erkrankter Menschen, die sich politisch für Sichtbarkeit, Teilhabe und Prävention einsetzen, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Dafür engagieren wir uns innerhalb und außerhalb von Bündnis 90/Die Grünen.
!!! Bitte beachtet auch den Hinweis auf einen weiteren Änderungsantrag zum Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche am Ende dieser Begründung. !!!
Die gesundheitlichen Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen beschränken sich nicht auf eigenständige psychische Erkrankungen oder psychosoziale Belastungen. Psychische Symptome treten auch im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen auf oder sind Bestandteil oder Begleiterscheinung einer solchen Erkrankung. Dies gilt insbesondere für postinfektiöse Erkrankungen, bei denen sich körperliche und psychische Symptome überschneiden können. Bei Erkrankungen wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis) oder dem Post Covid-Syndrom bestehen beispielsweise Überschneidungen mit Symptomen psychischer Erkrankungen. Ohne eine sorgfältige somatische und differentialdiagnostische Abklärung besteht deshalb die Gefahr, dass körperliche Erkrankungen übersehen und Beschwerden vorschnell ausschließlich psychisch eingeordnet werden.
U-Untersuchungen bieten außerhalb der regulären bedarfsmedizinischen Betreuung die Möglichkeit, hier frühzeitig anzusetzen. Sie erreichen einen sehr großen Teil der Kinder und ihrer Familien und sind daher ein geeigneter Rahmen, um vorausgegangene Virusinfektionen und mögliche länger anhaltende Folgen systematisch zu berücksichtigen. Gleichzeitig sollten Eltern über postakute Infektionssyndrome (PAIS), mögliche Symptome, Krankheitsfolgen sowie Übertragungswege (z. B. über Aerosole) und Präventionsmöglichkeiten informiert werden. Eine solche Aufklärung stärkt die Gesundheitskompetenz von Familien, unterstützt eine frühzeitige Erkennung und Abklärung entsprechender Beschwerden und kann dazu beitragen, eine Verschlechterung des Gesundheitszustands im Erkrankungsfall zu vermeiden.
Besonders wichtig ist, körperliche Erkrankungen auch dann mitzudenken, wenn bei einem Kind psychische Symptome im Vordergrund stehen. Betroffenenorganisationen und Co. sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen Familien aufgrund psychiatrischer Fehldiagnosen und einer fehlenden Anerkennung der körperlichen Erkrankung ihrer Kinder in Verfahren zur Kindeswohlgefährdung geraten sind. Krankheitsbedingte Symptome wurden dabei nicht ausreichend oder gar nicht somatisch eingeordnet und stattdessen als psychische Erkrankung oder als Hinweis auf ein problematisches familiäres Umfeld bewertet. Die Weiterentwicklung der U-Untersuchungen sollte deshalb auch dazu beitragen, solche Fehleinordnungen zu vermeiden und eine angemessene somatische Abklärung sicherzustellen.
Ergänzend zu den „Abschließenden Gedanken“ des Hauptantrags ist eine differenziertere Betrachtung der COVID-Pandemie notwendig. Die psychischen und sozialen Belastungen dieser Zeit lassen sich nicht allein auf die Pandemie selbst oder einzelne Schutzmaßnahmen zurückführen. Vielmehr müssen auch die damaligen gesellschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Schulen, Kitas, medizinische und Pflegeeinrichtungen und andere Institutionen waren auf eine solche Situation vielfach nicht vorbereitet, weshalb pädagogische, soziale und gesundheitliche Unterstützungsangebote nur eingeschränkt erreichbar waren. Hinzu kamen prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen, soziale Unsicherheit und ein vielfach unzureichender Gesundheits- und Arbeitsschutz. Besonders Menschen, die bereits zuvor unter schwierigen sozialen, wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Bedingungen lebten, waren dadurch zusätzlichen Belastungen ausgesetzt.
Die Pandemie hat sehr deutlich gemacht, wie unzureichend unsere sozialen und infrastrukturellen Strukturen auf eine solche Krisensituation vorbereitet sind. Diese strukturellen Defizite wurden nach der Aufhebung der Schutzmaßnahmen jedoch nicht ausreichend aufgearbeitet und behoben. Vielmehr wurden bestehende Schutz- und Unterstützungsstrukturen (z. B. Homeoffice, HEPA-Luftfilter in Schulen/Kitas) teilweise wieder zurückgenommen, ohne die gewonnenen Erfahrungen dauerhaft in bessere Rahmenbedingungen zu überführen. Damit wurde eine zentrale Chance vertan, die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit für zukünftige Krisen zu stärken.
Gleichzeitig wurden auch die Erfahrungen mit der Übertragung von Virusinfektionen und ihren langfristigen gesundheitlichen Folgen nicht ausreichend in nachhaltige Strukturen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes überführt. Erkenntnisse über die Übertragung von Viren, beispielsweise über die Luft, haben nicht zu einer dauerhaften Verbesserung der Lufthygiene in Innenräumen geführt. Auch niedrigschwellige Möglichkeiten zur frühzeitigen Erkennung von Infektionen, etwa durch Testangebote, wurden zurückgenommen. Damit fehlen weiterhin wichtige Möglichkeiten, Infektionen zu reduzieren oder frühzeitig zu erkennen und ihre möglichen langfristigen Folgen zu begrenzen.
Dies ist nicht nur in der Debatte um zu hohe AU-Tage von Bedeutung, sondern insbesondere mit Blick auf postinfektiöse Erkrankungen. Seit Beginn der Pandemie ist die Problematik postinfektiöser Erkrankungen und ihrer teilweise langanhaltenden Folgen deutlich stärker in den Fokus gerückt. Dennoch werden diese Erkenntnisse bislang nicht ausreichend in Prävention, Früherkennung und Versorgung umgesetzt. Von wiederkehrenden Infektionswellen sind auch Kinder und Jugendliche betroffen, bei denen postinfektiöse Erkrankungen, länger anhaltende Beschwerden und schwere Behinderungen auftreten. Eine umfassende Aufarbeitung der Pandemie muss deshalb neben den psychosozialen Folgen auch die gesundheitlichen Langzeitfolgen von Virusinfektionen, die bestehenden Defizite beim Infektionsschutz und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung berücksichtigen.
Die U-Untersuchungen bieten hierfür einen guten Ansatzpunkt. Sie erreichen einen großen Teil der Kinder und ihrer Familien und bieten damit die Möglichkeit, über Infektionswege und Präventionsmöglichkeiten aufzuklären, postinfektiöse Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und differentialdiagnostisch zu berücksichtigen sowie eine notwendige weitere Abklärung und Versorgung einzuleiten.
Quellen:
https://www.psychotherapie-mecfs.de/stellungnahme/
https://nichtgenesenkids.de/info/info-fuer-lehrer/
https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2834486
https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2834480
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10375903/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11349683/#s3
https://www.iqair.com/de/newsroom/air-pollution-and-mental-health
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11349683/
https://archive.is/20260805152805/https://www.nature.com/articles/d41586-026-02443-2
!!! HINWEIS UND BITTE !!!
Bündnis 90/Die Grünen war schon immer eine Partei der guten und sauberen Luft. Es ist Zeit, die Evidenz zu den gesundheitlichen Auswirkungen auch in Innenräumen anzuerkennen und diesen Fokus konsequent auf die Innenraumgesundheit, ganz besonders für Kinder und Jugendliche, auszuweiten. Der Änderungsantrag zu V-01 setzt genau hier an und fordert verbindliche Standards für gesunde Innenraumluft, Luftreinigung und Hitzeschutz in Kitas und Schulen, zur Verbesserung der Gesundheit, der Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens.
Wir bitten euch, auch diesen Änderungsantrag zu unterstützen:
