| Veranstaltung: | 52. Bundesdelegiertenkonferenz Berlin |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | V TOP 10 - Verschiedenes (1/2) |
| Antragsteller*in: | Niklas Wagener (KV Aschaffenburg-Stadt) und 125 weitere Antragsteller*innen (Frauenanteil: 44%) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 09.10.2026, 11:10 |
V-35: Endlich richtig ländlich - Perspektivwechsel: Grün!
Antragstext
Grüne Politik darf nicht an der Stadtgrenze enden, denn unser Anspruch als
Bündnispartei muss sein, Menschen überall in diesem Land zu erreichen. Ländliche
Räume sind Heimat für rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland. Dennoch
spiegeln sich ihre Lebensrealitäten und Perspektiven in politischen Debatten und
Entscheidungen nicht ausreichend wider.
Gleichzeitig entscheidet sich die ökologische und gesellschaftliche
Transformation nicht nur in den Großstädten, sondern maßgeblich auf dem Land. 46
Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung werden in ländlichen Regionen
erwirtschaftet. Mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmen hat dort
ihren Sitz. Ländliche Räume sind damit Lebens-, Wirtschafts- und
Gestaltungsräume für einen großen Teil unserer Gesellschaft. Sie sind
entscheidend für den Erfolg der Mobilitäts-, Energie- und Agrarwende.
Wir Grüne wollen gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland.Wo ein
Mensch lebt, darf nicht darüber entscheiden, welche Chancen er auf Bildung,
Arbeit, Mobilität, Gesundheitsversorgung oder gesellschaftliche Teilhabe hat.
Gleichwertigkeit bedeutet dabei nicht Gleichheit. Unterschiedliche Regionen
haben unterschiedliche Voraussetzungen und brauchen deshalb auch
unterschiedliche Antworten. Politische Lösungen müssen diesen Unterschieden
gerecht werden.
Denn viele Teile der ländlichen Räume stehen unter besonderem Druck. Wo
Arztpraxen fehlen, Busverbindungen ausgedünnt werden, der Weg zur Arbeit, zur
Schule oder zur nächsten Fachärztin immer weiter wird, geht es um die Frage, wie
gut der Alltag vor Ort funktioniert und ob Menschen das Gefühl haben, dass ihre
Lebensrealitäten gesehen werden.
Frust und Verbitterung entstehen insbesondere dann, wenn Entscheidungen weit
entfernt getroffen werden und vor Ort kaum Einfluss darauf genommen werden kann.
Deshalb sind eine verlässliche Daseinsvorsorge und echte
Beteiligungsmöglichkeiten auch eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts
und einer lebendigen Demokratie. Es braucht ein offenes Ohr für die
Herausforderungen vor Ort, politische Lösungen, die zu den unterschiedlichen
Regionen passen, und vor allem die Möglichkeit, selbst mitzugestalten.
Dass es hierzu eine große Bereitschaft gibt, zeigen die vielen Menschen, die
sich gerade in ländlichen Räumen in freiwilligen Feuerwehren, Sportvereinen,
Kirchen, Landjugenden, Kommunalpolitik und zahlreichen weiteren Initiativen
ehrenamtlich engagieren. Dieses Engagement schafft Begegnung, übernimmt
Verantwortung und hält vielerorts Gemeinschaft zusammen. Diese Bereitschaft,
sich einzubringen, wollen wir stärken und ihr mehr Raum geben.
Das zeigt sich besonders bei der Energiewende. 79 Prozent der installierten
Windenergieleistung an Land und 68 Prozent der Freiflächen-Photovoltaik befinden
sich nach dem Vierten Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung ländlicher
Räume in ländlichen Regionen. Auch Klimaanpassung, Natur- und Artenschutz, Land-
und Forstwirtschaft, Wasserhaushalt und der Ausbau der Stromnetze werden zu
erheblichen Teilen in ländlichen Räumen umgesetzt.
Wer Transformation will, muss deshalb die Menschen und Kommunen vor Ort an ihrer
Gestaltung beteiligen. Denn wenn Klimaschutz nicht nur Fläche beansprucht,
sondern neue Perspektiven vor Ort durch regionale Wertschöpfung schafft,
entstehen kommunale Einnahmen sowie Beteiligungsmöglichkeiten und eine
Infrastruktur, von der Menschen vor Ort profitieren.
Wir wollen die bestehende Vielfalt von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ausbauen und die
unterschiedlichen räumlichen und regionalen Lebensrealitäten innerhalb unserer
Gesellschaft stärker berücksichtigen. Unser Anspruch ist, dass Menschen aus
unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlichen Lebensrealitäten erreicht
werden, zur Teilhabe eingeladen werden und die Möglichkeit haben, politische
Verantwortung zu übernehmen und ihre Erfahrungen einzubringen.
Ergänzend soll ein „Ländlich-Check“ sicherstellen, dass wir auch unsere
politischen Vorhaben daraufhin überprüfen, welche Auswirkungen sie unter den
besonderen Bedingungen ländlicher Räume haben. So selbstverständlich, wie wir
heute Klima- und Geschlechtergerechtigkeit mitdenken, soll ein solcher
„Ländlich-Check“ sicherstellen, dass Themen und Personen aus den ländlichen
Räumen stärker in den Fokus unserer Politik rücken.
Unser Anspruch muss sein, auch in den ländlichen Räumen politisch so verankert
zu sein, dass dort Direktmandate gewonnen werden können und eine unmittelbare
Verbindung zwischen regionalen Lebensrealitäten und den Parlamenten entsteht.
Dafür braucht es Menschen, die ihre Region kennen, vor Ort Verantwortung
übernehmen und deren Erfahrungen und Fachkenntnisse auch auf Landes- und
Bundesebene Gehör finden.
Diese Menschen haben wir bereits in unserer Partei. In unseren Kreis- und
Ortsverbänden engagieren sich Menschen mit beruflicher und praktischer Expertise
aus Landwirtschaft und Forstwirtschaft, Handwerk und Mittelstand,
Kommunalpolitik, sozialen Berufen und vielen weiteren Bereichen. Dieses Wissen
müssen wir stärker nutzen und berücksichtigen.
Durch ein gezieltes Empowerment-Programm wollen wir Menschen aus ländlichen
Räumen frühzeitig erkennen, fördern und ihnen Wege in politische und
innerparteiliche Verantwortung eröffnen. Dazu wollen wir Mentoring-,
Vernetzungs- und Qualifizierungsangebote ausbauen. Mitglieder aus ländlichen
Räumen sollen gezielt dabei unterstützt werden, Verantwortung in Gremien,
Arbeitsstrukturen und bei Kandidaturen auf Landes- und Bundesebene zu
übernehmen.
Wenn wir Kompetenzen, Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten breiter
verteilen, erweitern wir nicht nur das Spektrum unserer politischen Arbeit. Wir
schaffen Identifikation. Menschen erleben politische Vertreter*innen, die ihre
Lebenswirklichkeit kennen und verstehen, welche Herausforderungen sie
beschäftigen.
Deshalb braucht es den „Ländlich-Check“ auch für alle Listenaufstellungen von
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Wir wollen sicherstellen, dass Personen aus ländlichen
Wahlkreisen und deren Themen immer vertreten sind. Die Vielfalt an Menschen
innerhalb unserer Partei muss sich auch in unseren Listen und unserer
politischen Schwerpunktsetzung wiederfinden.
Politische Präsenz und professionelle Parteiarbeit dürfen nicht davon abhängen,
wie viele Mitglieder ein Kreisverband bereits hat, wie hoch seine Einnahmen sind
oder wie dicht Parteistrukturen in einer Region schon heute ausgebaut sind.
Gerade dort, wo wir wachsen und neue Menschen erreichen wollen, müssen wir die
Voraussetzungen dafür schaffen.
Stärkere Strukturen können so Erfahrungen, Wissen und praktische Unterstützung
weitergeben. Gleichzeitig können ländliche Verbände ihre Erfahrungen, regionale
Expertise und Perspektiven stärker in die Gesamtpartei einbringen.
Zusammenarbeit soll dabei keine Einbahnstraße sein, sondern gegenseitiges Lernen
ermöglichen.
Innerparteiliche Teilhabe ist in einem Flächenland mit anderen Herausforderungen
verbunden, als in einer Großstadt. Lange Fahrzeiten, schlechte Verbindungen und
zusätzliche Fahrt- oder Übernachtungskosten können dazu führen, dass Mitglieder
an Sitzungen, Parteitagen oder anderen Formaten schwerer teilnehmen können.
Gleichzeitig wollen wir digitale und hybride Beteiligungsmöglichkeiten dort
stärker nutzen, wo sie den Zugang zu Parteiarbeit verbessern. Präsenz und
persönliche Begegnung bleiben für eine lebendige Partei unverzichtbar, dürfen
aber nicht voraussetzen, dass Mitglieder für jede Beteiligungsmöglichkeit
regelmäßig weite Strecken und hohe Kosten auf sich nehmen müssen.
Wir wollen insbesondere unseren kommunalpolitisch Engagierten aus den ländlichen
Räumen auf Bundes- und Landesebene mehr Gehör verschaffen. So stärken wir
diejenigen, die bereits heute vor Ort Verantwortung übernehmen, und schaffen
zugleich Anknüpfungspunkte für Menschen, die sich künftig politisch einbringen
wollen.
Als Partei wollen wir auch dort ansprechbar sein, wo bisher nur wenige grüne
Strukturen bestehen. Deshalb wollen wir insbesondere in Regionen mit geringer
Präsenz von Bundes-, Landes- oder Europaabgeordneten prüfen, wie weitere
Parteibüros, mobile Büros und regelmäßige und niedrigschwellige Anlaufstellen
verstärkt auch in Kleinstädten und ländlichen Regionen geschaffen oder gemeinsam
genutzt werden können.
Termine von Amts- und Mandatsträger*innen in ländlichen Regionen sollen, wo
immer möglich, frühzeitig mit den Parteistrukturen vor Ort abgestimmt werden und
gezielt dazu genutzt werden, lokale Mitglieder zu vernetzen, neue Mitglieder
anzusprechen und die Arbeit der Kreis- und Ortsverbände zu stärken.
Einfache Sprache
Grüne Politik darf nicht an der Stadtgrenze enden. Rund 60 Prozent der Menschen
in Deutschland leben in ländlichen Regionen. Trotzdem werden ihre Erfahrungen
und Probleme in der Politik oft zu wenig berücksichtigt. Gerade auf dem Land
fühlen sich viele Menschen von der Politik nicht mehr angesprochen. Gleichzeitig
sind ländliche Regionen für Deutschland sehr wichtig. Sie sind wichtige
Wirtschaftsstandorte und spielen eine große Rolle bei der Energie-, Verkehrs-
und Agrarwende.
Wir Grüne wollen gute und faire Lebensbedingungen in ganz Deutschland. Der
Wohnort darf nicht darüber entscheiden, ob Menschen gute Chancen auf Bildung,
Arbeit, Mobilität, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe haben. Dabei müssen
wir beachten, dass Dörfer, Kleinstädte und Großstädte unterschiedliche
Voraussetzungen haben und deshalb unterschiedliche Lösungen brauchen.
In vielen ländlichen Regionen fehlen zum Beispiel Arztpraxen, Busverbindungen
und andere wichtige Angebote. Wenn Wege zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt
immer länger werden, fühlen sich Menschen schnell allein gelassen. Wenn
Entscheidungen weit entfernt getroffen werden und die Menschen vor Ort kaum
mitbestimmen können, entsteht Frust. Deshalb brauchen wir gute Angebote vor Ort,
mehr Beteiligung und Politik, die die Probleme der Menschen kennt.
Ländliche Regionen sind auch für den Klimaschutz besonders wichtig. Ein großer
Teil der Wind- und Solarenergie wird dort erzeugt. Auch Landwirtschaft,
Forstwirtschaft, Natur- und Artenschutz sowie der Ausbau der Stromnetze finden
zu großen Teilen auf dem Land statt. Deshalb müssen die Menschen und Gemeinden
vor Ort an diesen Veränderungen beteiligt werden. Sie sollen auch von den neuen
Möglichkeiten profitieren, zum Beispiel durch Einnahmen für Gemeinden, neue
Arbeitsplätze oder bessere Infrastruktur.
Auch innerhalb der Grünen wollen wir die Perspektiven des Landes stärker
berücksichtigen. Deshalb soll es einen „Ländlich-Check“ geben. Bei wichtigen
politischen Entscheidungen, Programmen und Kampagnen soll geprüft werden, welche
Auswirkungen sie auf ländliche Regionen haben. Menschen aus Dörfern,
Kleinstädten und ländlichen Gebieten sollen stärker in politische Verantwortung
kommen und ihre Erfahrungen einbringen können. Dafür wollen wir Mentoring,
Weiterbildung und Vernetzung ausbauen und Menschen gezielt bei politischen
Aufgaben und Kandidaturen unterstützen.
Die Erfahrungen aus ländlichen Regionen sollen auch in unseren Wahllisten,
Parteigremien und Arbeitsgruppen stärker vertreten sein. Bei der Auswahl von
Kandidatinnen und Kandidaten sollen die regionale Verbundenheit,
kommunalpolitische Erfahrungen und unterschiedliche Lebensbedingungen stärker
berücksichtigt werden. So können Menschen aus dem ländlichen Raum sichtbarer
werden und für andere vor Ort als politische Ansprechpartnerinnen und
Ansprechpartner dienen.
Kleine und strukturschwache Kreis- und Ortsverbände brauchen mehr Unterstützung.
Sie arbeiten häufig fast vollständig ehrenamtlich und haben weniger Geld und
Personal. Deshalb wollen wir sie finanziell, personell und organisatorisch
stärker unterstützen. Der Landes- und Bundesverband soll ihnen außerdem mehr
Verwaltungsarbeit abnehmen, zum Beispiel bei Buchhaltung, Technik, Webseiten,
Öffentlichkeitsarbeit oder Veranstaltungen. Dadurch bleibt vor Ort mehr Zeit für
politische Arbeit und den Kontakt zu den Menschen.
Auch die Zusammenarbeit zwischen größeren und kleineren Verbänden wollen wir
verbessern. Wissen, Erfahrungen und Ressourcen sollen stärker geteilt werden.
Gleichzeitig können größere Verbände von den Erfahrungen der ländlichen Verbände
lernen. Politische Beteiligung darf außerdem nicht davon abhängen, wie weit
jemand von einer Großstadt entfernt wohnt. Deshalb sollen Fahrt- und
Übernachtungskosten überprüft und digitale und hybride Beteiligungsmöglichkeiten
stärker genutzt werden.
Menschen, die sich vor Ort politisch engagieren, brauchen die Unterstützung der
gesamten Partei. Das gilt besonders dort, wo grüne Politik auf starken
Widerstand stößt oder Mitglieder wegen ihres Engagements angefeindet oder
bedroht werden. Deshalb wollen wir Beratungs-, Schulungs- und
Unterstützungsangebote ausbauen und kommunalpolitisch Aktive stärker auf Landes-
und Bundesebene einbinden.
Schließlich wollen wir als Partei näher zu den Menschen kommen. Politische
Veranstaltungen sollen häufiger in Dörfern und Kleinstädten stattfinden. Wo es
bisher nur wenige grüne Strukturen gibt, sollen mobile Büros, gemeinsame Räume
oder regelmäßige Anlaufstellen entstehen. Abgeordnete und andere politische
Vertreterinnen und Vertreter sollen häufiger gemeinsam mit den örtlichen Grünen
Veranstaltungen durchführen und frühzeitig mit den Kreis- und Ortsverbänden
zusammenarbeiten.
Unser Ziel ist eine Grüne Partei, die Stadt und Land gleichermaßen erreicht.
Menschen auf dem Land sollen nicht nur Gegenstand unserer Politik sein. Sie
sollen selbst mitreden, Verantwortung übernehmen und die Politik der Grünen
aktiv mitgestalten.
Begründung
erfolgt mündlich.
Hintergrund:
Programme wie LEADER zeigen seit Jahrzehnten, wie regionale Entwicklung gemeinsam mit Menschen vor Ort gestaltet werden kann. Seit 35 Jahren steht LEADER für eine europäische Erfolgsgeschichte und wie kaum ein anderes EU-Programm dafür, dass Europa direkt vor Ort wirkt.
LEADER bringt die Europäische Union mit den Menschen in den ländlichen Räumen zusammen und macht europäische Politik dort sichtbar, wo die Menschen leben. Es sind die engagierten Menschen vor Ort, die sich in den LEADER-Regionen für Verbesserungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld einsetzen.
Diese Erfolgsgeschichte gilt es mit ausreichenden und verlässlichen Mitteln und der nötigen Konsequenz der Bundesregierung fortzuschreiben, damit Europa auch künftig vor Ort sichtbar, erlebbar und gemeinsam mit den Menschen gestaltet werden kann.
